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Koljós
Ein umfassendes Buch, eine beeindruckende narrative Konstruktion, in der die Geschichte einer Familie und die Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts zusammenfließen.
Koljós ist das intimste Buch von Emmanuel Carrère: eine fesselnde Familienerzählung, die mit der Staatstrauerfeier für seine Mutter Hélène Carrère d’Encausse beginnt, eine bedeutende Persönlichkeit des französischen intellektuellen Lebens, die erste Frau an der Spitze der Akademie und eine anerkannte Autorität im Studium der russischen Geschichte. Ihr Tod im Jahr 2023 veranlasst den Autor, eine Sammlung von Archiven, Briefen und Fotografien zu durchforsten, die sein Vater im Laufe seines Lebens zusammengetragen hatte und die den Ausgangspunkt dieser Untersuchung bilden: eine Genealogie, tief verwoben mit einigen der großen Konflikte des 20. Jahrhunderts, die von Tiflis nach Paris, von der vorrevolutionären Russland bis zum heutigen Ukraine reicht.
Carrère rekonstruiert so den Weg seiner Urgroßeltern, der Zurabishvili, aufgeklärte Bürgerliche, die nach der bolschewistischen Revolution aus Georgien ins Exil gingen; den unbeständigen Großvater Georges, geprägt von Armut, Resignation und einer nie ganz geklärten Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern; und vor allem den unaufhaltsamen Aufstieg von Hélène, brillant, streng, rigoros und oft undurchdringlich; eine legendäre und kontroverse Persönlichkeit, deren Vermächtnis und Komplexität ihr Umfeld prägen. Er entdeckt auch die zurückhaltende Figur seines Vaters Louis neu, eine ruhige und bescheidene Persönlichkeit, die stets im Schatten von Hélène stand und einen emotionalen Gegenpol zur mütterlichen Strenge bietet.
Der neue Roman von Emmanuel Carrère, Gewinner des Prix Médicis und des Grand Continent Preises 2025, bewegt sich zwischen Familiengeschichte und großer Geschichte und bietet ein präzises Porträt Europas im vergangenen und gegenwärtigen Jahrhundert. Vor allem aber ist es eine Auseinandersetzung mit der Erinnerung an die mütterliche Figur, gesehen mit der gewohnten Mischung aus Genauigkeit, Empathie und Klarheit des Autors. Eine Auseinandersetzung, die die öffentlichen und privaten Facetten von Hélène Carrère offenbart, aber auch die tiefe Liebe und Anerkennung ihres Sohnes für alles, was er ihr verdankt.